Immer locker bleiben



Turbo-Abi, Auslandssemester, Berufserfahrung: Immer mehr Heranwachsende stehen unter Stress, dabei hat das Arbeitsleben noch gar nicht begonnen. Wir sagen: Druck raus aus der Karriereplanung

Von Achim Faust


Immer diese Stimmen im Kopf, die man einfach nicht los wird.


Von den Eltern beispielsweise: Die werden nicht müde zu betonen, wie schwierig es doch heutzutage ist, einen guten Job zu bekommen. Dass man fleißig sein muss. Mindestens. Tatsächlich scheint es so: Wer im Leben was erreichen will, muss sich mächtig ins Zeug legen. Abitur, natürlich im Turbomodus – mit einem Terminkalender, der dem eines Erwachsenen gleicht. Bestnoten an Schule und Uni. Auslandssemester und Berufserfahrung in einem Beruf, den man nach all’ der Plackerei doch erst einmal ergreifen will.Gott sei Dank gibt es Praktika.

Für die zwischen 1977 und 1998 geborene so genannte „Generation Y“, die gerne als leistungsorientiert, technikbegeistert und ich-bezogen beschrieben wird, hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert – und das macht ihr zu schaffen. Die Vielzahl an Möglichkeiten, die sich an der Schwelle zum Berufsleben eröffnen, sagte beispielsweise Steffi Burkhart  der Deutschen Presse-Agentur. Die Bloggerin berät Unternehmen im Umgang mit jungen Mitarbeitern. Die Tatsache, dass die Social-Media geübte Generation viel mehr über die Lebenswege der Freunde und Bekannten erfahre, führe darüber hinaus zu Selbstzweifeln. „Da bekommt man schnell den Eindruck, dass die Freunde die tolleren Jobs oder die cooleren Partner haben, und zweifelt an den eigenen Entscheidungen.“ Die Mittzwanziger „sind schwer mit dem Projekt beschäftigt, das eigene Leben zu managen“, meint auch Hans-Werner Rückert, Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. Selbstoptimierung sei ein wichtiges Thema, jeder scheine seines Glückes Schmied zu sein. „Doch das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn etwas schiefgeht, bin ich dafür verantwortlich – und das macht vielen Angst“, sagt der Diplom-Psychologe.

Und so bleibt kaum mehr etwas übrig von Aufbruchstimmung, die immer aufkam, lernte man auf eigenen Beinen zu stehen. Höher, schneller, weiter. Warum eigentlich? Wo bleibt da die Jugend? Eine Zeit, in der sich eigentlich Identität entfalten soll. Eine Zeit, die Zeit für Freunde bereithalten sollte, und dafür, um über die Welt und sich selbst nachzudenken.
Dabei gibt es gute Gründe, einfach mal Geschwindigkeit rauszunehmen, die man zu Schulzeiten hat aufnehmen müssen. Die Welt steht motivierten jungen Menschen mit einer guten (schulischen) Ausbildung offen. Auch – oder gerade in Zeiten des „Demografischen Wandels“, den junge Erwachsene laut einer repräsentativen Umfrage von 2014 noch immer mit steigenden Belastungen in Verbindung bringen. Längere Arbeitszeiten, private Altersvorsorge, das sind in diesem Zusammenhang die Stichworte. Nur 23 Prozent der Befragten erwarteten bessere Berufschancen, nur 19 Prozent einen Rückgang der Arbeitslosigkeit. Zahlen, die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig auf dem Berliner Demografie Forum vorgestellt hatte. Doch genau dies sind – aller Umwälzungen zum Trotz, die natürlich auf die jungen Menschen zukommen werden – ebenfalls Folgen in einer älter werdenden Gesellschaft, in der sich der Nachwuchs rar gemacht hat. Der Arbeitskräftemangel dürfte für gut ausgebildete junge Menschen in die Karten spielen.

Und da sind sie wieder, die schier überbordenden Möglichkeiten der Berufswahl, die junge Erwachsene überfordern können. Zumal das Turbo-Abi kaum Raum gelassen hat, sich über ganz Persönliches klar zu werden. Dazu gehört: „Was will ich überhaupt werden?“

6000 Studiengänge stehen zur Auswahl, 800 davon dual. Oder unzählige Ausbildungen – klassisch oder dual. Oder ins Ausland? Ein freiwilliges soziales Jahr? Oder, oder, oder. Die Generation der Großeltern mag davon geträumt haben – für viele junge Menschen bedeutet dies zusätzlicher Stress. Bloggerin Burkhardt setzt vor allem auf den Rat von Mentoren, um das Angebot zu kanalisieren. „Mir Vorbilder zu suchen und ihnen möglichst viele Fragen zu stellen, hat mir geholfen, die Fülle an Ideen und Optionen zu sortieren.“

Roswitha Nussinger, Abiturientenberaterin bei der Agentur für Arbeit in Nürnberg, empfiehlt gegenüber dem Magazin Unicum Abi, auf die Bremse zu treten: „Ich rate den jungen Leuten, die nach dem Abitur nicht wissen, wofür Sie sich entscheiden sollen: Schafft euch eine Überbrückung, wie beispielsweise einen Auslandsaufenthalt. Und vor allem – entschleunigt mal ein wenig.“

Interessiert? Hier steht das komplette Dokument zum Nachlesen zur Verfügung.

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