HILFE BEIM HANDICAP



Vorsicht: Ob durch Krankheit, Unfall oder von Geburt an: Fast jeder zehnte Mensch in Deutschland ist schwerbehindert. Betroffene Jugendliche benötigen bei der Berufsausbildung viele Hilfen – und davon gibt es einige.

Von Sven Schneider


Jessica Schätzlein kennt die Situation zur Genüge. Gerade wollte die 23-jährige Service-Kraft im Essener Hotel Franz die Bestellung ihres Gastes aufnehmen – und schon hat sie nicht alles verstanden. Höflich beugt sie sich zu dem jungen Mann hinab und fragt noch einmal nach. „Was durfte es für Sie noch einmal sein?“, entfährt es ihr ein wenig schüchtern. „Kaffee, Cappuccino oder Café au lait?“ Ein Kaffee war es, aber da der Gast undeutlich und dazu noch von ihr abgewandt orderte, kam die Bestellung nicht deutlich bei ihr an. Jessica Schätzlein ist von Geburt an hörgeschädigt. Zwar kann sie die Gebärdensprache und Lippenlesen. Aber das hilft ihr in so einem Moment nicht weiter.

Man sieht ihr die Behinderung nicht an, aber sie ist da. War sie immer, und wird es auch immer sein. So, wie bei insgesamt rund neun Millionen Menschen in Deutschland. Für Jugendli-che, die entweder durch einen Unfall, eine Krankheit oder ange-borene Behinderung körperlich oder geistig beeinträchtigt sind, bedeutet das einen erschwerten Zugang zum Berufsleben.
„Aber unmöglich ist eine Ausbildung nicht“, weiß Hermann Vöcklinghaus, Berufsberater für behinderte Jugendliche bei der Arbeitsagentur in Essen, der vor Jahren auch zuständig für Jessica Schätzlein war. Aktuell betreut er 468 Fälle, mehrere davon über einen Zeitraum von vielen Jahren –ein langer Weg für die Betroffenen. Deshalb setzt die Bundesagentur für Arbeit auf frühe und spezielle Beratung.

Die Fachberater der Arbeitsagentur klären in den Schulen den Wissensstand, das Sozial- und Arbeitsverhalten der Jugendli-chen mit einer Behinderung. „Auch räumliches Vorstellungs-vermögen, die kognitive Leistungsfähigkeit sowie logisches Denken werden geprüft“, so Vöcklinghaus zu dem Prozedere. Körperbehinderte Schüler, die oft keinerlei geistige Defizite aufweisen und einen guten oder passablen Abschluss hinlegen, bedürfen in der Regel selten einer besonderen Beratung durch die Agentur. „Die bekommen dann die ganz normale Berufsbe-ratung von uns.“

Wobei Vöcklinghaus jeden Bewerber darauf hinweist, explizit die eigene Behinderung im Bewerbungsschreiben anzuführen. „Schließlich bekommen Unternehmen einen Zuschuss durch die Arbeitsagentur, wenn sie einen Jugendlichen mit Handycap einstellen.“ Auch technische Hilfen für die Errichtung eines behindertengerechten Arbeitsplatzes sind möglich, für die ebenfalls die Agentur aufkommt.

Die Hauptaufgabe der Fachberater liegt aber eher im Bereich der speziellen Förderschulen. Hier kümmert sich ein Team aus Beratern, Psychologen und Ärzten um die Erfassung der Ausbildungsreife des Jugendlichen. Dass Schüler dieser Schulformen eine herkömmliche, betriebliche Ausbildung


absolvieren könnten, sei eher selten, sagt Vöcklinghaus. „Viele Schüler, beispielsweise mit einer Lernbehinderung, durchlau-fen erst einmal eine berufsvorbereitende Maßnahme.“ Zum einen, weil sie einen Rückstand in der persönlichen Entwick-lung haben, zum anderen, weil es oft auch an notwendigen Grundkenntnissen fehlt.

Es folgen Seminare und Unterrichts-stunden mit einem hohen schulischen Anteil und der Erwerb erster Grundkenntnisse im praktischen Bereich. „Sollte sich ein Jugendlicher für einen Job in der Küche oder Gastronomie eignen, bereiten wir ihn mit erstem Wissen und Kniffen auf die-sen Bereich vor.“ Die Vorbereitung findet bei Bildungsträgern wie dem Franz-Sales-Haus in Essen statt, wo man nicht nur über die entsprechenden Räumlichkeiten, sondern auch über spezialisiertes Personal verfügt.

Dort sind auch theoriereduzierte Berufsausbildungen möglich, sollte der Jugendliche Lernschwierigkeiten haben und von ei-ner Vollausbildung weit entfernt sein. „Der Lernstoff wird dann auf das Nötigste beschränkt, die praktische Ausbildung bleibt aber gleich“, erklärt der Experte. Am Ende gibt es ein Zertifi-kat. „Das ist aber nur für behinderte Jugendliche möglich.“ Hat ein Behinderter seine Ausbildung abgeschlossen, ist es mit der Unterstützung seitens der Arbeitsagentur aber nicht vor-bei.

Ein Job winkt dann noch lange nicht. Zwar sind laut dem Sozialgesetzbuch alle Unternehmen mit mindestens 20 dauer-haften Arbeitsplätzen verpflichtet, wenigstens fünf Prozent der Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen. Wer das nicht tut, muss eine Ausgleichsabgabe an das zuständige Integrations-amt entrichten. Da aber die Abgabe normalerweise geringer ausfällt als der zu zahlende Lohn eines Angestellten, ist sie ein eher schwaches Argument für Betriebe, einen Menschen mit Handycap einzustellen. Und obwohl laut Gleichstellungs-gesetz Bewerber mit einer Behinderung bei gleicher fachli-cher Qualifikation vorzuziehen seien, geschieht dies noch zu selten. Das weiß auch Vöcklinghaus. „Im Zweifel ist es schwer nachzuweisen, warum der Behinderte den Job dann doch nicht bekommen hat.“

Jessica Schätzlein hingegen hatte Glück. Nachdem es mit der angedachten Ausbildung zur Floristin nicht geklappt hatte, überlegte sie gemeinsam mit ihrem Berater Hermann Vöck-linghaus, es aufgrund ihrer herzlichen Art doch mal im Service zu versuchen. Das Hotel Franz, welches zum Franz-Sales-Haus gehört, stellte sie als Servicekraft an – und seitdem ist die junge Frau aus dem Gastro-Bereich des Hotels nicht mehr wegzudenken. Dass sie gelegentlich um eine Wiederholung der Bestellung bitten muss, macht ihr nicht viel aus. Schließlich hat sie einen Job gefunden. „Wenn das alles ist“, sagt sie und holt den Kaffee für ihren Gast, „kann ich damit leben.“


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