GRENZENLOSE LEHRE



Azubis haben heute die Chance, ihre Ausbildung – oder einen Teil davon – im Ausland zu verbringen

Von Achim Faust


Von Auslandssemestern hat jeder schon einmal gehört: Lernen in und von fremden Kulturen – das sind Erfahrungen, von denen man sein ganzen Leben zehren wird. Die gute Nachricht: Es sind Möglichkeiten, die nicht allein Hochschulabsolventen offenstehen. Auch Auszubildende haben die Chance, im Ausland Berufs- und Lebenserfahrung zu sammeln. Philipp hat’s getan, er hat auf einem Milchviehbetrieb bei Kilkenny auf der „Grünen Insel“ Irland gearbeitet. „Wenn man viele Dinge kennt, kann man auch einmal etwas Neues ausprobieren. Es war eine einmalige Chance.“ Auch für Hannah, die es als Elektronik-Lehrling nach Norwegen zog. Die Hürden für einen Auslandsaufenthalt während der Lehre sind kleiner geworden. Wer sich eh auf dem „Sprung“ über alle Grenzen hinweg sieht, wird sie ohne große Mühe überwinden. Vor einigen Jahren hat das Berufsbildungsgesetz das Recht fest geschrieben, einen Teil der Ausbildung im Ausland absolvieren zu können. Bis zu einem Viertel der Lehrzeit können Azubis heute in einem anderen Land verbringen und sich in Deutschland anrechnen lassen. Also: Raus in die Welt! Und das funktioniert so: Wer sich für eine „grenzenlose Lehre“ interessiert, wendet sich am besten an seinen Arbeitgeber. Größere Betriebe bieten manchmal selbst Auslandsaufenthalte an, oftmals hat der Arbeitgeber aber zumindest gute Verbindungen ins Ausland. Eine Idee am Rande: Einfach mal die Eltern fragen. Oder die Eltern von Freunden? Vielleicht gibt es dort ja gute Kontakte.

Aber natürlich ist „Vitamin B“ kein K.O.-Kriterium: Auslandsaufenthalte für Auszubildende werden in der Regel von Bildungseinrichtungen organisiert und über das EU-Programm „Erasmus+“ gefördert. Hier gibt es wertvolle Hilfestellungen – und eben Fördergelder: Die müssen durch den Betrieb, die Schule oder die Kammer beantragt werden. „So ein Auslandsaufenthalt macht auf jeden Fall selbstbewusster und selbstständiger“, bilanziert „Norwegerin“ Hannah, deren Geschichte – und die von Philipp und anderen – auf der Homepage der für „Erasmus+“ zuständigen Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung zu finden sind. Neben vielen Infos und Tipps – versteht sich von selbst.

Bei der Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz können Datenbanken wie die der IBS (Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte und berufliche Bildung) nützlich sein, die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV), eine Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit, ist ebenfalls eine gute Anlaufstelle. Darüber hinaus haben viele Außenhandelskammern (AHK) Listen mit Unternehmen im jeweiligen Land mit Kontakten nach Deutschland.

Übrigens: Wer die komplette Lehre im Ausland absolvieren will, wendet sich in der Regel zuerst an die Deutsche Außenhandelskammer des Landes, in dem man eine Ausbildung machen möchte. Das empfiehlt die ZAV. Außenhandelskauffrau in Hongkong? Hotelfachmann in Portugal? Die jeweilige Außenhandelskammer hilft weiter – unter Umständen ist sie sogar Adressat einer möglichen Bewerbung auf eine Lehrstelle – und sie erstellt Profile für deutsche Firmen im Ausland, die im besten Fall zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Los geht’s!


Gut zu wissen


Ein Praktikum während einer Ausbildung ist nach dem Berufsbildungsgesetz als Teil der Berufsausbildung anerkannt. Die Ausbildung wird also nicht unterbrochen und (ganz wichtig!): Man bekommt weiterhin die Ausbildungsvergütung gezahlt.

So wertvoll Erfahrungen im Ausland sind, sie sollten trotzdem nicht zu Lasten der Ausbildung gehen. Wichtig ist daher auch ein guter Zeitpunkt: Bewährt hat sich die Zeit nach der Zwischenprüfung, weil dann ein Kapitel beendet ist und man gut wieder einsteigen kann. Pläne für ein Praktikum im Ausland sollten frühzeitig mit dem Chef und Arbeitgeber besprochen werden. Eine gute Idee: Argumente für einen Auslandsaufenthalt sammeln. Was hat der Betrieb davon, wenn der Azubi in die weite Welt aufbricht? Antworten könnten neu erworbene Sprachkenntnisse sein, neue Anwendungsfelder für Technologien oder ein souveräner Umgang mit Kunden aus aller Welt.

Eine generelle Altersbeschränkung für Auslandspraktika mit „Erasmus+“ gibt es nicht. Empfehlenswert ist ein Mindestalter von 18 Jahren. Die Teilnahme an einem Auslandspraktikum hängt nicht unbedingt von Schulnoten oder Sprachkenntnissen ab.

Andere Länder, andere Sitten: Das gilt auch für Bewerbungen. Wer sich empfehlen möchte, sollte sich im Vorfeld über die Formalitäten des Wunschlandes informieren. Eine Hilfe ist der Europass, ein Werkzeug, um Dokumente wie den Lebenslauf europaweit vergleichbar zu machen.


DAS IST ERASMUS+


„Erasmus+“ ist ein Förderprogramm der Europäischen Union (EU). Es fördert Lernen und Zusammenarbeiten in Europa in den Bereichen Bildung, Jugend und Sport. Mit „Erasmus+“ können beispielsweise Auszubildende einen Teil der Lehrzeit im Ausland absolvieren, Studierende ein Auslandssemester einlegen oder ein Lehrer eine Fortbildung außerhalb Deutschlands machen. Alle bekommen dafür Geld von der EU, die mit insgesamt 14,7 Milliarden Euro bis 2020 rund vier Millionen Europäerinnen und Europäer fördern will.
www.machmehrausdeinerausbildung.de

WEITERE INFOS


Bundesagentur für Arbeit: www.arbeitsagentur.de

IBS (Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte und berufliche Bildung): www.go-ibs.de


DER EUROPASS


www.europass-info.de

Interessiert? Hier steht das komplette Dokument zum Nachlesen zur Verfügung.

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